Arztpraxis im GeLo, Lorch

Ich trage mein Herz auf der Zunge

Allgemeinmedizinerin im ländlichen Raum: Für Dr. Magdalena Hefele-Golubic gibt es nichts Schöneres. „Ein toller Beruf“, schwärmt sie und zählt die Vorteile auf. Dazu gehören für sie die Vielfalt der medizinischen Themen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die großartige Möglichkeit, sich in viele Richtungen weiterzubilden. Aber auch den Kontakt zu den Menschen, die sie über Jahre begleitet und unterstützt hat, will sie nicht missen. „Für manche gehöre ich schon zum erweiterten Familienkreis“, schmunzelt die Hausärztin und erzählt, wie sie als gebürtige Ravensburgerin nach Lorch kam, einer Stadt im Remstal mit etwa 11.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Schon vor ihrem Umzug hatte Hefele-Golubic „Land- und Praxisluft“ im Rahmen ihrer Ausbildung in Plüderhausen bei Schorndorf schnuppern können. „Das hat mir richtig gut gefallen“, erzählt sie. „Vor allem hat man in einer Praxis sehr viel mehr Freiheiten als in einer Klinik.“ Als die Ärztin schließlich ihren Mann kennenlernte, der in der Region Aalen lebte, stand für sie außer Frage, dass sie dort in der Nähe arbeiten wollte. Sie übernahm 2016 als junge Mutter eine in Lorch bestehende Hausarztpraxis und baute zusammen mit ihrem Mann ein Haus. „Schon immer habe ich jede Menge Energie in mir gespürt. Als Kind habe ich beispielsweise so lange gedrängelt, bis ich ein Jahr vorzeitig in die Schule gehen durfte.“

Und so gab sie sich auch in Lorch nicht mit dem Status quo zufrieden. Die Räumlichkeiten ihrer Praxis entsprachen nicht ganz ihren Vorstellungen. Die heute 38-Jährige entwickelte einen Plan für ein Ärztehaus und begann, für diese Idee zu werben. Anfänglich stieß sie auf Skepsis: „Menschen für Veränderungen zu gewinnen, ist nicht leicht“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. Wie ist es ihr dennoch gelungen? „Ich habe mein Herz auf der Zunge und sage in einfachen Worten das, was ich denke.“ Und „als eigentlich gar nicht diplomatisch“ empfindet sie sich. Doch beim Werben für das GeLo, dessen Name sich aus Gesundheitszentrum Lorch ableitet, habe sie von diesem Prinzip eine Ausnahme machen müssen.

Sie habe mangels konkreter Erfahrungen den Bau des familiären Eigenheims als Blaupause für die Planung genommen, um Bauzeit und Bauplanung entsprechend schätzen zu können. Auch die Bedarfsermittlung nahm sie eher hemdsärmelig vor: „Ich fragte einfach einige Gesundheitsdienstleister, ob sie mittun würden und wie viele Quadratmeter sie bräuchten.“ Der Investor war von so viel Schaffensfreude überzeugt und erstellte aus diesen Angaben mit Hilfe eines Architekten und einer Bank ein tragfähiges Finanzierungskonzept. 2017 zogen dann Gesundheitsdienstleister wie Ärzte, Physiotherapeuten und eine Apotheke in das GeLo ein.

Doch aus dem Wunsch nach besseren Räumen war bei Hefele-Golubic mittlerweile eine größere Idee erwachsen. „Die Patienten fahren oft eine Stunde und länger zu uns. Deshalb werden oft Termine bei verschiedenen GeLo-Gesundheitsdienstleistern an einem Tag gemacht. Danach lösen die Patienten in der GeLo-Apotheke die Rezepte ein“, erläutert sie die Vorteile des Gesundheitszentrums. Dadurch werden nicht nur die Patientinnen und Patienten, sondern auch die Fahrdienste von Kindern, Nachbarinnen und ehrenamtlich engagierten Personen entlastet. „Ich finde, dass unser Projekt eine Blaupause auch für andere Regionen sein kann.“

Der Bedarf ist im Lorcher Einzugsgebiet ohne Zweifel da, denn viele Hausarztpraxen müssen mangels Nachfolgerschaft schließen. Und Hefele-Golubic hat zahlreiche Anfragen, Patienten dieser aufgegebenen Praxen zu übernehmen. „Aber sogar ich kann mich nicht klonen“, seufzt sie augenzwinkernd. Dennoch versucht sie, den wachsenden Bedarf durch kluge Praxisorganisation aufzufangen: So hat die Praxis von Montag bis Freitag elf Stunden lang durchgehend geöffnet. Um Patientinnen und Patienten lange Anfahrtswege zu ersparen, bietet sie Videosprechstunden an und beschäftigt zwei medizinische Fachangestellte mit Sonderausbildung, die in ihrem Auftrag Hausbesuche übernehmen.

Dem Wachstum steht der Personalmangel entgegen: Es gibt trotz aller Vorteile im ländlichen Raum zu wenig medizinisches Fachpersonal. Hefele-Golubic nimmt diese Situation dennoch nicht einfach hin, sondern tut alles, um Abhilfe zu schaffen. Als Lehrpraxis der Universität Tübingen gibt sie jungen Studierenden Einblicke in die allgemeinmedizinische Arbeit und hofft, einige von ihnen für eine spätere Tätigkeit in ihrer Praxis zu gewinnen. Darüber hinaus bildet sie medizinische Fachangestellte aus.

Doch für sie ist Quantität in der Medizin nicht alles. „Mir liegt vor allem eine sehr gute Qualität der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum am Herzen.“ Deshalb bildet sie sich und ihr mittlerweile achtköpfiges Team beispielsweise im Bereich der Naturheilverfahren weiter. „Ohne mein engagiertes Team wäre das alles natürlich nicht möglich.“ Das zeigte sich einmal mehr in der akuten Phase der Corona-Krise, als die Hälfte ihrer Beschäftigten beim Schorndorfer Krankenhaus in der Notaufnahme aushalf, um das Krankenhauspersonal zu entlasten.

Auch wenn Hefele-Golubic von Natur aus mit viel Energie ausgestattet ist, ist diese selbstverständlich nicht unerschöpflich. „Meine beiden Männer zu Hause stehen zum Glück voll hinter mir“, freut sie sich über die familiäre Unterstützung von Mann und Sohn. Ihr Mann arbeitet in einem anderen Bereich als sie, was die Ärztin zu schätzen weiß. „Er hat oft einen ganz neuen Blick auf die Dinge, was ich als sehr wohltuend und hilfreich empfinde.“ Von ihren Eltern habe sie „Flügel fürs Leben“ bekommen, weshalb Hefele-Golubic auch andere beflügeln möchte. „Aktuell werbe ich für eine Erweiterung des Gesundheitszentrums Lorch“, verrät sie. Mit einer Wette, dass ihr dieses Vorhaben gelingen wird, geht man wohl kein großes Risiko ein.

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