Lederei, Bad Waldsee

„Selbstständigkeit war für mich der einzige Weg“

Schon Maikel Auers Vater hatte ein großes handwerkliches Geschick. Das hat er seinem Sohn in die Wiege gelegt und weitergegeben. „Ich arbeite mich in handwerkliche Aufgaben sehr schnell ein“, erzählt Auer. Deshalb wurde er Orthopädieschuhmacher, stellte aber fest, dass er zwar handwerklich arbeiten, aber seine Kreativität nicht so einsetzen konnte, wie er es gerne wollte. Vor allem dem Leder galt seine Leidenschaft: „Kaum ein Material ist so facettenreich“, schwärmt der heute 39-Jährige beim Rundgang durch seine Ledermanufaktur, die er treffend „Lederei“ getauft hat. „Leder ist in vielerlei Hinsicht formbar, man kann unterschiedlichste Produkte wie Schuhe, Taschen oder Gürtel daraus machen.“

Doch wie kam es nun vom Orthopädieschuhmacher zum eigenen Unternehmen? Dazu muss man wissen, dass Auer seit langer Zeit Mitglied einer Narrenzunft ist. 2006 suchte diese Zunft händeringend jemanden, der einen historischen Schuh anfertigen konnte. Auer erkannte die Chance, kreativ mit seinem Lieblingsmaterial zu arbeiten. Intensiv arbeitete er sich in die Materie ein. „Es gibt alte Überlieferungen, wie früher Brauchtumsbekleidung und Schuhe hergestellt wurden“, erzählt der Handwerker. Schnell hatte er sich den Grundstock einer Bibliothek zu diesem Thema zusammengestellt, die er im Laufe der Zeit immer mehr erweiterte. Als sehr wichtig erwiesen sich auch Gespräche mit mehreren Schuhmachern im Ruhestand, die ihm nicht nur wichtige Erfahrungen mitgaben: „Die haben mir sogar Spezialwerkzeuge geschenkt.“

Schließlich produzierte er die Schuhe, die aus Holz bestehen und mit Fell verziert sind. Die Zunftkolleginnen und -kollegen waren von diesen Fellholzschuhen begeistert. Schnell kam es zu Folgeaufträgen: „Die Zünfte sind untereinander sehr gut vernetzt“, beschreibt Auer die weitere Entwicklung. Die Auftragslage war schon bald so gut, dass er und seine Frau Sandra, die damals noch mit ihrem Bruder einen Gastronomie- und Hotelbetrieb führte, vor die Wahl gestellt wurden: den Nebenerwerb reduzieren oder die feste Stelle als Orthopädieschuhmacher aufgeben. Beides ging nicht mehr, denn Auer arbeitete nicht selten nach seinem eigentlichen Feierabend noch bis Mitternacht in der Werkstatt an seinen Schuhen. „Was mich reizte, war, ein altes, ehrliches Handwerk mit neuen Ideen zu verknüpfen.“ Auer kündigte seinen Arbeitsplatz und machte die kreative Arbeit zu seinem Haupterwerb. „Ich habe mich für das Leder entschieden und es niemals bereut.“

2010 startete der junge Unternehmer in einem 40-qm-Laden, der gleichzeitig Werkstatt war. Schon im Nebenerwerb hatte er viel in Maschinen und Werkzeuge investiert, sodass der Start ohne große Investitionen vonstattengehen konnte. Auer bot Schuhreparaturen, Polsterarbeiten und seine bis weit über die Region bekannten Fellholzschuhe an. Darüber hinaus kreierte er neue Produktlinien wie Taschen, Gürtel und Wohnaccessoires aus Leder. Alles lief bestens: Schon im vierten Jahr konnte er jemanden anstellen. Seine Frau gab mit der Geburt der heute dreijährigen Tochter ihre Tätigkeit in der Gastronomie auf und arbeitet seitdem im Betrieb mit. „Ohne Rückhalt von der Familie geht so etwas nicht, das ist ganz klar“, resümiert Auer. Sandra Auer verantwortet Verkauf, Vertrieb und Marketing. „So kann ich mich um die Produktion kümmern.“

Ein wirklicher Sprung gelang 2017 mit der Integration der Holzsohlenherstellung für seine Fellholzschuhe. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Holzsohlen von einem alteingesessenen Betrieb aus dem Schwarzwald hergestellt. Als dieser aufgegeben wurde, kam ihm die Idee, die Produktion selbst zu übernehmen. Zwei Wochen lang überlegten und rechneten die Auers. Dann holten sie mit zwei LKW die Maschinen ab. „Diese maschinelle Fertigung der Rohlinge war für uns ein völlig neues Thema“, so Auer rückblickend. Die Integration in den Workflow dauerte bis 2019 – eine fordernde Aufgabe. Heute profitiert die Lederei von einem Alleinstellungsmerkmal: „Wir sind nun in der Lage, den Schuh vom Baumstamm bis zum fertigen Produkt bei uns direkt vor Ort herzustellen.“ Auer sucht manchmal das Holz selbst aus: „Vom Wald direkt an den Fuß“, schmunzelt er. „Uns ist wichtig, dass wir nachhaltig und ökologisch produzieren.“

2019 stand auch der Umzug in größere Räume an. Ein zweiter Angestellter kam hinzu. „Viel zu arbeiten, macht uns nichts aus, wenn das Ergebnis stimmt.“ Wichtig sind Auer vor allem der Spaß an der Arbeit und die freie Zeiteinteilung. Er empfiehlt allen Gründungswilligen, aus dem Nebenerwerb in die Selbstständigkeit zu starten. Nur so kann man seiner Ansicht nach ein Geschäftsmodell sicher testen, bevor man ins volle Risiko geht: „Handwerk hat zwar keinen goldenen, aber doch einen silbernen Boden.“

Nüchtern sieht er auch die Schattenseiten, die gerade in der Corona-Pandemie in aller Schärfe zutage traten: „Wenn man den Laden sechs Wochen lang schließen muss, dann wird einem deutlich, dass man voll auf eigenes Risiko arbeitet.“ Drei Messen, über die er sonst viele Aufträge generieren konnte, wurden 2020 abgesagt. Auch der Online-Handel war in dieser Zeit keine Stütze: „Die Menschen haben in der ersten Krisenphase verständlicherweise das Geld zusammengehalten und kaum bestellt.“ Zusammen mit seiner Frau hat er die Zeit genutzt und eine Werbekampagne für Narrenzünfte entwickelt. Zudem hat die Lederei neue Eigenkreationen in Kleinserien produziert. Nun schaut er vorsichtig optimistisch in die Zukunft: „Wir sind mit eineinhalb blauen Augen davongekommen.“

Momentan entwickelt der Unternehmer ein Baukastensystem für Maßschuhe. Alle sollen sich individuell „seinen“ oder „ihren“ Schuh aus verschiedenen Modellen, Formen und Farben zusammenstellen können. „Die Menschen wenden sich immer mehr von Massenprodukten ab und suchen das nachhaltig hergestellte Modell, das genau zu ihnen passt“, ist Auers Überzeugung.

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