Ziegenhütte Zollernalb, Harthausen

„Es gibt immer unglaublich viel zu tun“

Wer ein Unternehmen von den Eltern übernimmt, setzt sich keineswegs immer ins „gemachte Nest.“ „Im Gegenteil: Wir haben den elterlichen Schweinemastbetrieb im Jahr 2013 komplett verändert“, blickt Carolin Dietz zurück. Sie hatte vorher in den sozialen Bereich hineingeschnuppert, sich dann aber für ein Studium der Agrarwissenschaften in Hohenheim entschieden. Irgendwann kam dann die Frage der Eltern, ob eine der drei Schwestern die Nachfolge antreten wollte.

Carolin Dietz und ihr Mann Alexander hatten zu dem Zeitpunkt schon auf dem Hof gewohnt und als Hobby Ziegen und auch einen Esel gehalten. „Wir mögen beide Tiere einfach sehr gern“, erzählt die 36-Jährige. Zusammen mit ihrem Mann entschied sie sich schließlich für das Wagnis. Dabei war ihr klar, dass sie das Konzept vollständig ändern würde: Die Schweinemast wurde aufgegeben. Stattdessen wurde die Idee der Ziegenhütte geboren. Das Ehepaar baute eine Käserei sowie einen Ziegenstall und schaffte 80 Ziegen an. Zusätzlich wird heute auf 120 Hektar Fläche biologisch Getreide angebaut. Was auch zur Entscheidung beigetragen hat: „Der Hof war schuldenfrei. Das hat uns sehr geholfen.“

Was haben die Eltern zu den ganzen Veränderungen gesagt? „Die standen voll hinter uns und haben tatkräftig mitgeholfen.“. Tatsächlich war den Eltern die Erfahrung, dass ein Generationenwechsel auch Veränderung bedeutet, nicht fremd. „Sie hatten 1982 schon von meinen Großeltern den Betrieb übernommen und dabei von Milchvieh auf Schweinemast umgestellt.“

Die Phase der Übernahme war voller Lernerfahrungen. „Für den Ziegenkäse braucht man Zeit und Geduld“, betont sie. „Wenn man nicht mit dem Kopf dabei ist, dann klappt das nicht.“ Die Herausforderung beim ökologischen Anbau von Getreide ist das Unkraut. „Zu Beginn machte es manchmal gar keinen Sinn, zu ernten. Da haben wir die Felder einfach gemulcht.“ Gemulcht? Sie lacht: „In diesem Fall schneiden wir das Getreide mit dem Unkraut zusammen klein und lassen es liegen. Dann hat man zwar keine Ernte, aber es erhöht immerhin die Fruchtbarkeit des Bodens.“

Nicht nur die Produktion, auch alles andere musste komplett neu aufgebaut werden. „Besonders unterschätzt habe ich den Aufwand für das Marketing.“ Um sich den Markt zu erschließen, wurde zunächst ein eigener Hofladen gebaut. Bald wurden auch andere Hofläden und der lokale Einzelhandel mit dem Ziegenkäse beliefert. Auch auf Wochen- und Sommermärkten florierte der Verkauf. Der Erfolg war schnell da und größer als gedacht. „Im Nachhinein hätten wir den Laden größer planen sollen.“

Neu für alle war auch der Umgang mit Kundschaft. In den ersten Jahren kamen die meisten aus den umliegenden Städten wie Balingen, Albstadt und Tübingen. Nach und nach kommen aber auch immer mehr aus dem ländlichen Raum. „Auch hier findet ein Umdenken statt. Unsere Kunden sind Genussmenschen, die an regionalen Produkten und regionaler Landwirtschaft interessiert sind.“ Ausgeprägte Bio-Anhänger sind dagegen in der Minderheit, was auch ihr selbst entspricht. „Ich glaube zwar, dass die biologische Landwirtschaft der richtige Weg ist. Das heißt aber nicht, dass ich die konventionelle Landwirtschaft verteufele.“ Voneinander lernen könne man, sagt sie, und dass man im Gespräch bleiben müsse. „Die Wahrheit hat niemand gepachtet.“

Selbstständig zu sein, findet Diez toll. „Man ist einfach sein eigener Chef.“ Gerade in der Pandemie habe sich das wieder gezeigt: „Unsere drei Kinder haben beim Käsemachen geholfen, sind uns im Büro auf dem Schoß gesessen oder haben sich mit den Tieren beschäftigt“, beschreibt sie den Corona-Hofalltag mit der Familie. „Man hat viele Freiheiten. Aber man ist natürlich auch gleichzeitig an den Hof und seine Aufgaben gebunden.“ So gibt es den zehntägigen Jahresurlaub im Winter. Ansonsten gönnt sie sich mit Mann und Kindern gelegentlich einen freien Tag in der Woche.

Für die Zukunft will sie weiterwachsen, quantitativ, aber auch qualitativ. So kann sie sich Kochkurse mit regionalen Produkten und Hoferlebnistage vorstellen. Sie will den Menschen regionale landwirtschaftliche Produkte nahebringen. „Viele wissen gar nicht, aus was Essen eigentlich konkret besteht und woher diese Produkte kommen. Je mehr sie darüber wissen, desto mehr schätzen sie auch die Arbeit von uns Landwirten.“ Für den Käse schwebt ihr bald ein Online-Shop als weiterer Vertriebsweg vor. Der wirtschaftliche Erfolg ist die Grundlage für die weitere Entwicklung des Betriebes. „Derzeit sind die Preise für Getreide sehr gut. Hoffen wir, dass das so bleibt.“ Für Dietz und ihren Mann sind auch andere Dinge von hoher Bedeutung: „Das Tierwohl ist uns sehr wichtig.“ Und Projekte zur Artenvielfalt, zum Beispiel das Anlegen von Blühstreifen und der Humusaufbau. Ob sie auch einen Garten wollen? Sie winkt ab: „Natürlich hätte ich gerne einen Bauerngarten. Doch so vielfältig und befriedigend die Arbeit ist, ist doch immer auch unglaublich viel zu tun.“

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